Title:

Das Rotkäppchen

Description:  Fairy story by Ludwig Bechstein
deutsch
  
ISBN: 3491961041   ISBN: 3491961041   ISBN: 3491961041   ISBN: 3491961041 
 
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Das Rotkäppchen


Es war einmal ein gar allerliebstes, niedliches Dingvon einen Mädchen, das hatte eine Mutter und eine Großmutter, die waren gargut und hatten das kleine Ding so lieb. Die Großmutter absonderlich, die wußtegar nicht, wie gut sie's mit dem Enkelchen meinen sollte, schenkt' ihm immerdies und das und hatte ihm auch ein feines Käppchen von rotem Sammet geschenkt,das stand dem Kind so überaus hübsch, und das wußte auch das kleine Mädchenund wollte nichts andres mehr tragen, und darum hieß es bei alt und jung nurdas Rotkäppchen. Mutter und Großmutter wohnten aber nicht beisammen in einem Häuschen,sondern eine halbe Stunde voneinander, und zwischen den beiden Häusern lag einWald. Da sprach eines Morgens die Mutter zum Rotkäppchen: 'Liebes Rotkäppchen,Großmutter ist schwach und krank geworden und kann nicht zu uns kommen. Ichhabe Kuchen gebacken, geh und bringe Großmutter von dem Kuchen und auch eineFlasche Wein, und grüße sie recht schön von mir, und sei recht vorsichtig, daßdu nicht fällst und etwa die Flasche zerbrichst, sonst hätte die kranke Großmutternichts. Laufe nicht im Walde herum, bleibe hübsch auf dem Wege, und bleibe auchnicht zu lange aus.'

'Das will ich alles so machen, wie du befiehlst,liebe Mutter', antwortete Rotkäppchen, band ihr Schürzchen um, nahm einenleichten Korb, in den es die Flasche und den Kuchen von der Mutter legen ließ,und ging fröhlichen Schrittes in den Wald hinein. Wie es so völlig arglosdahinwandelte, kam ein Wolf daher. Das gute Kind kannte noch keine Wölfe undhatte keine Furcht. Als der Wolf näher kam, sagte er: 'Guten Tag, Rotkäppchen!'
'Schönen Dank, Herr Graubart!'
'Wo soll es denn hingehen so in aller Frühe, mein liebes Rotkäppchen?'fragte der Wolf.
'Zur alten Großmutter, die nicht wohl ist!' antwortete Rotkäppchen.
'Was willst du denn dort machen? Du willst ihr wohl was bringen?'
'Ei, freilich, wir haben Kuchen gebacken, und Mutter hat mir auch Weinmitgegeben, den soll sie trinken, damit sie wieder stark wird.'

'Sage mir doch noch, mein liebes scharmantes Rotkäpp-chen, wo wohnt denn deine Großmutter? Ich möchte wohl einmal, wenn ich anihrem Hause vorbeikomme, ihr meine Hochachtung an den Tag legen', fragte derWolf.'Ei, gar nicht weit von hier, ein Viertelstündchen,da steht ja das Häuschen gleich am Walde, Ihr müßt ja daran vorbeigekommensein. Es stehen Eichenbäume dahinter, und am Gartenzaun wachsen Haselnüsse!'plauderte das Rotkäppchen.O du allerliebstes, appetitliches Haselnüßchen du- dachte bei sich der falsche, böse Wolf. Dich muß ich knacken, das ist einmalein süßer Kern. - Und tat, als wolle er Rotkäppchen noch ein Stückchenbegleiten, und sagte zu ihm: 'Sieh nur, Wie da drüben und dort drüben so schöneBlumen stehen, und horch nur, wie allerliebst die Vögel singen! Ja, es ist sehrschön im Walde, sehr schön, und wachsen so gute Kräuter hierinnen, Heilkräuter,mein liebes Rotkäppchen. '

'Ihr seid gewiß ein Doktor, werter grauer Herr?'fragte Rotkäppchen. 'Weil Ihr die Heilkräuter kennt. Da könntet Ihr mir jaein Heilkraut für meine kranke Großmutter zeigen!''Du bist ein ebenso gutes als kluges Kind!' lobteder Wolf. 'Ei, freilich bin ich ein Doktor und kenne alle Kräuter, siehst du!Hier steht gleich eins, der Wolfsbast, dort im Schatten wachsen die Wolfsbeeren,und hier am sonnigen Rain blüht die Wolfsmilch, dort drüben findet man dieWolfswurz.''Heißen denn alle Kräuter nach dem Wolf?' fragteRotkäppchen.

'Die besten, nur die besten, mein liebes, frommesKind!' sprach der Wolf mit rechtem Hohn. Denn alle, die er genannt, warenGiftkräuter. Rotkäppchen aber wollte in ihrer Unschuld der Großmutter solcheKräuter als Heilkräuter pflücken und mitbringen, und der Wolf sagte:'Lebewohl, mein gutes Rotkäppchen, ich habe michgefreut, deine Bekanntschaft zu machen; ich habe Eile, muß eine alte schwacheKranke besuchen!'Und damit eilte der Wolf von dannen undspornstreichs nach dem Hause der Großmutter, während das Rotkäppchen sich schöneWaldblumen zum Strauße pflückte und die vermeintlichen Heilkräuter sammelte.

Als der Wolf an das Häuschen der Großmutter desRotkäppchens kam, fand er es verschlossen und klopfte an. Die Alte konnte nichtvom Bette aufstehen und nachsehen, wer da sei, und rief: 'Wer ist draußen?''Das Rotkäppchen!' rief der Wolf mit verstellterStimme. 'Die Mutter schickt der guten Großmutter Wein und auch Kuchen! Wirhaben gebacken!''Greife unten durch das Loch in der Türe, da liegtder Schlüssel!' rief die Alte, und der Wolf tat also, öffnete dic Türe, tratin das Häuschen, in das Stübchen, und verschlang die Großmutter ohne weiteres- zog ihre Kleider an, legte sich in ihr Bett, zog die Decke über sich her unddie Bettvorhänge zu. Nach einer Weile kam das Rotkäppchen; es war sehrverwundert, alles so offen zu finden, da doch sonst die Großmutter sich selbstgern unter Schloß und Riegel hielt, und wurd ihm schier bänglich um das jungeHerzchen.Wie das Rotkäppchen nun an das Bett trat, da lagdie alte Großmutter, hatte eine große Schlafhaube auf und war nur wenig vonihr zu sehen, und das wenige sah gar schrecklich aus. 'Ach, Großmutter, washast du so große Ohren?' rief das Rotkäppchen.

'Daß ich dich damit gut hören kann!' war dieAntwort.
'Ach, Großmutter! Was hast du für große Augen!'
'Daß ich dich damit gut sehen kann!'
'Ei, Großmutter, was hast du für haarige große Hände!'
'Daß ich dich damit gut fassen und halten kann!'
'Ach, Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und so lange Zähne!'
'Daß ich dich damit gut fressen kann!'
Und damit fuhr der ganze Wolf grimmig aus dem Bette heraus und fraß das armeRotkäppchen. Weg war's.Jetzt war der Wolf sehr satt, und es gefiel ihm sehrim Stübchen der Alten und in dem weichen Bett, und er legte sich wieder hin undschlief ein und schnarchte, daß es klang, als schnarre ein Räderwerk in einerMühle.Zufällig kam ein Jäger vorbei, der hörte dasseltsame Geräusch und dachte: Ei, ei, die arme alte Frau da drinnen hat einen bösenSchnarcher am Leib, sie röchelt wohl gar und liegt im Sterben! Du mußt hineinund nachsehen, was mit ihr ist. - Gedacht, getan; der Jäger ging in das Häuschen,da fand er den Herrn Isegrimm im Bette der Alten liegen, und die Alte warnirgends zu erblicken. 'Bist du da?' sprach der Jäger und riß die Kugelbüchsevon der Schulter. 'Komm du her, du bist mir oft genug entlaufen!'

Schon legte er an - da fiel ihm ein: halt - die Alteist nicht da, am Ende hat der Unhold sie mit Haut und Haar verschlungen, warohnedies nur ein kleines dürres Weiblein. Und da schoß der Jäger nicht,sondern er zog seinen scharfen Hirschfänger und schlitzte ganz sanft dem festschlafenden Wolf den Bauch auf, da guckte ein rotes Käppchen heraus, und unterdem Käppchen war ein Köpfchen, und da kam das niedliche allerliebste Rotkäppchenheraus, und sagte: 'Guten Morgen! Ach, was war das für ein dunkles Kämmerchenda drinnen!' Und hinter dem Rotkäppchen zappelte die alte Großmutter, die warauch noch lebendig, viel Platz hatten sie aber nicht gehabt im Wolfsbauch.

Der Wolf schlief noch immer steinfest, und da nahmensie Steine, gerade wie die alte Geiß im Märchen von den sieben Geißlein, fülltensie dem Wolf in den Bauch und nähten den Ranzen zu, hernach versteckten siesich, und der Jäger trat hinter einen Baum, zu sehen, was der Wolf endlichanfangen werde. Jetzt wachte der Wolf auf, machte sich aus dem Bett heraus, ausdem Stübchen, aus dem Häuschen, und humpelte zum Brunnen, denn er hatte großenDurst. Unterwegs sagte er 'Ich weiß gar nicht, ich weiß gar nicht, in meinemBaucl wackelt's hin und her, hin und her, wie Wackelstein - sollte das die Großmutterund Rotkäppchen sein?' Und wie er an den Brunnen kam und trinken wollte, dazogen ihn die Steine, und er bekam das Übergewicht und fiel hinein und ertrank.So sparte der Jäger seine Kugel; er zog den Wolf aus dem Brunnen und zog ihmden Pelz ab, und alle drei, der Jäger, die Großmutter und das Rotkäppchen,tranken den Wein und aßen den Kuchen und waren seelenvergnügt, und die Großmutterwurde wieder frisch und gesund, und Rotkäppchen ging mit ihrem leeren Körbchennach Hause und dachte: du willst niemals wieder vom Wege ab und in den Waldgehen, wenn es dir die Mutter verboten hat.

  
Sämtliche Märchen
Siehe auch:
Grimms Märchen. Vollständige Ausgabe
Sämtliche Märchen
Andersens Märchen
Grimms Märchen. Gesamtausgabe
Deutsche Sagen: Mit 16 Holzschnitten nach Zeichnungen
von Adolph …
Hauffs Märchen: Mit den Illustrationen
von Ruth …
 
   
 
     

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